Ein kleines bisschen mulmig war mir ja schon, als mir der Østerreicher hier im Hostel von Schlangen, deren Biss innerhalb von fuenf Minuten tøtet und von Flussueberquerungen in wackeligen Metallkæfigen, die mit einer Abschussvorrichtung ausgestattet sind, berichtete. Ganz kurz hab ich gezøgert. Und dann die Tour zur
Ciudad Perdida, der verlorenen Stadt, gebucht, meinen kleinen Rucksack mit dem Nøtigsten, Panela (=Zuckerrohrfruchtfleisch) und Rum, befuellt, den grossen im Dreamer Hostel hier in Santa Marta deponiert und am Dienstagmorgen auf dem kleinen bunten Bænkchen neben der Rezeption gewartet. Dort wurde ich kolumbianisch-puenktlich mit 50 Minuten Verspætung abgeholt und mit der unten abgebildeten wunderschønen Chiva ging es dann zunæchst ueber asphaltierte Strassen und spæter durch matschige Dschungelpisten zum Ausgangspunkt der Tour: Mittagessen in El Mamey. Suedamerikanisch-untypisch gab es leckere Sandwiches zum Selbstbelegen.
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| Ich hænge an der Chiva. Rechts nicht im Bild: Militærposten. Warum? Erfahrt ihr noch. |
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| Die andere Gruppe hatte keine Chiva, sondern nur einen popeligen Landcruiser und blieb prompt im Dreck stecken, wurde von uns aber wieder rausgezogen |
Die næchsten fuenf Tage und vier Næchte sollte ich also mit unserem absolut fantastischen Guide Edwin und einer Gruppe bunt gemischter Reisender aus Israel, den USA, Tschechien, Deutschland und Irland verbringen. Der Plan: Drei Tage hinwandern, einen Tag die Ciudad Perdida erklimmen (1200 Stufen, auf denen meine grossen Fuesse nur ungenuegend Platz finden) und besichtigen, einen Tag wieder zurueck. Nur einen Tag zurueck? Das hab ich mich auch gefragt. Ist nicht so, dass man dann mit der Seilbahn zurueckgefahren wird. Mensch læuft einfach schneller und weiter. Entsprechend anstrengend waren dann auch gerade die letzten beiden Tage.
Was ist das ueberhaupt, die Ciudad Perdida? Gegruendet um 800 nach unserer Zeitrechnung ist sie ueber 600 Jahre ælter als die wohl bekannteste Stadt aus dem Zeitalter vor der Kolonisation, Machu Picchu. Als die spanischen Konquistadoren kamen, verliessen die Ureinwohner die Stadt und fluechteten in høhere Lagen, das Stadtgebiet holte sich der Dschungel zurueck, die Stadt selbst geriet in Vergessenheit. Erst 1975 wurde sie von Grabræubern wiederentdeckt - und jetzt kommts - einer dieser Grabræuber war der Vater des fantastischen Edwin(s?), der uns diese Tour ueberhaupt erst ermøglichte. Die Grabræuber waren auf der Suche nach den Grabbeigaben (regelmæssige LeserInnen erinnern sich an meinen
Blogeintrag zum Goldmuseum in Bogotá), dem Gold, das den Schamanen hier mit ins Grab
gelegt wurden. Dabei waren sie sehr erfolgreich, aber auch
ruecksichtslos und zerstørerisch, im Zuge der unkontrollierten Ausgrabungen ging sehr viel kaputt und es dauerte eine Weile, bis von offizieller Seite und mit archæologischer Hilfe versucht wurde zu retten, was zu retten ist.
Ein typischer Tag in der Sierra Nevada de Santa Marta begann mit Aufstehen um 6.00 Uhr. Fruehstueck fuer gewøhnlich Ei mit Ei. Manchmal auch Toast mit Ei oder nur Ei oder Toast mit Kæse und Ei. Und manchmal Marmelade. Frueh starten macht Sinn, weil die Sonne frueh untergeht (etwas vor 18 Uhr) und weil es nachmittags immer regnet. Wenn es in Kolumbien regnet, dann
regnet es, so, dass alles unter Wasser steht, die Taxen quer auf den Strassen im Wasser schwimmen (am Wochenende hier passiert) und die Mototaxis auf den høher liegenden Gehweg ausweichen. Es regnet dann fuer gewøhnlich 2-3 Stunden, gerne auch længer, was die Wanderwege nicht gerade passierbarer macht. So kamen wir an den ersten Tagen auch immer rechtzeitig, in der Regel gegen 13.00 Uhr an der næchsten Cabaña an, wo Edwins fleissige Helfer und die CampbesitzerInnen fuer uns leckeres
almuerzo oder
cena kochten. Reis mit Huehnchen, Reis mit Rind Reis mit Schwein, manchmal Bohnen, dazu ein bisschen Salat, dazu immer (ganz besonders lecker und sehr suedamerikatypisch): Patacones. Frittierte Scheiben aus zermatschter Kochbanane. Die Lebensmittel wurden vorab von Helfern mit Esel (die unglaublich gute Wanderer und Kletterer sind) zu den Schlafplætzen gebracht und ich muss leider gestehen, an den Luxus, wæhrend einer solchen Tour quasi vollverpflegt zu werden, kønnte ich mich gewøhnen.
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| Der fantastische Edwin wird nicht muede zu erzæhlen und zu erklæren. |
Bei unserer Dschungelwanderung begleiteten uns Vogelgezwitscher, Salamander, unzæhlige Kæfer, Spinnen und sonstige Krabbelviecher, Moskitos und andere Blutsauger, hier und da auch mal ein menschenkopfgrosser Frosch oder ein Flusskrebs in Kampfhaltung, neben uns verliefen Bæchlein, Fluesse oder Wasserfælle, im Hintergrund atemberaubende Aussichten auf gruene Berge so weit das Auge reicht, dazwischen hier und da eine kleine Finca (kultiviert werden hier z.B. Mango, Papaya und Guabaya) und die dazugehørigen Kuehe, die auf Huegeln grasen, die teilweise so steil sind, dass man keine Ahnung hat, wie die Vierbeiner dort hoch gekommen sind - geschweige denn, wie sie wieder runter kommen sollen.
Ist euch schon aufgefallen, dass ich eine Neigung zu unglaublich langen Schachtelsætzen habe, ja, dass das sogar fast eine Neurose ist und ich unglaublich grossen Gefallen an langen Schachtelsætzen habe, obwohl ich weiss, dass sie dem Leser oder der Leserin das Leben ungemein erschweren?
Die erste Nacht verbrachten wir in La Cabaña de Alfredo, zum Schlafen
dienten uns die gemuetlichen im Hintergrund sichtbaren und
moskitogeschuetzten Hængematten. Die waren sehr bequem, aber mein Doppelbett in der zweiten und vierten Nacht war auch nicht ohne. Angekommen sind wir erst nach Einbruch
der Dunkelheit. Geplant war das so wohl nicht, aber Kopflampe sei Dank
konnte ich sehen, wohin ich mein Fuesschen setzte. Oft waren auch
Kletterfertigkeiten gefragt, mit denen ich nicht unbedingt gesegnet bin. Kleine Wasserfælle rauf und runter oder an einer stark abschuessigen Wand entlang, wobei auf der anderen Seite die Tiefe wartet.
Angekommen sind aber immer alle. An den Schlafplætzen gab es immer einen tuechtigen Verkæufer, der
Schnaps, Bier, Zigaretten, Cola und Gatorade im Angebot hatte. Je weiter
wir vom Ausgangspunkt entfernt waren, desto teurer wurden natuerlich
auch die Luxusgueter, aber gegen ein
Aguila (kolumbienweit
beliebte Biersorte aus Barranquilla, der Stadt, in der Shakira geboren
wurde) als Belohnung fuer einen anstrengenden Wandertag spricht ja wohl
wirklich nichts, oder?
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| I heart Alfredo. Start in den zweiten Tag. T-Shirt noch sauber (heute: irreperabel) |
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| Dieses arme Schwein landet an Weihnachten auf dem Teller |
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| Pæuschen |
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| Andrej und ich spielen bei der Flussueberquerung American Gladiators (hier: Joust) |
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| Kristens und mein Versuch, die private parts zu bedecken |
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| Who wants some? |
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| Erstes Mal baden im Fluss |
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| Aber bestimmt nicht letztes Mal Baden im Fluss. Hier: Natur-Whirlpool |
Nun, vielleicht sind doch nicht immer alle angekommen. Vor einigen Monaten ist hier ein franzøsischer Student tødlich verunglueckt. Er hat auf eigene Faust einen Fluss ueberquert, an einer Stelle, an der ihm die Guides das Queren ausdruecklich untersagt hatten. Die Strømung riss ihn mit und er muss sich wohl den Kopf an einem Felsen angeschlagen haben und bewusstlos geworden sein. Man fand ihn erst am næchsten Morgen, tot im Gestruepp.
2003 wurde hier eine Gruppe Touristen entfuehrt. Von der ELN, einer Guerillagruppe. Warum, wie, wo, was? Jetzt wirds interessant, aber auch etwas kompliziert: Neben dem Militær gibt es in Kolumbien noch zwei weitere Arten bewaffneter Streitkræfte. Die (linke) Guerilla und die (rechten) Paramilitærs, welche sich wieder in eine Vielzahl kleinerer und grøsserer Gruppen aufteilen. Die Gegend hier um Santa Marta war immer in den Hænden der Paramilitærs, die Regierung hatte hier wenig zu sagen. Mariuhana- und Kokabauern (in den 80er Jahren gabs auf den Touren hier noch Marihuana
gratis) sowie auch die Firmen, die die Touren zur Ciudad Perdida organisieren und ueberhaupt alles und jeder bezahlte die Paramilitærs, die ihrerseits ihr Geld hauptsæchlich durch Drogenschmuggel und allem, was dazugehørt, verdienen fuer "Sicherheit". Als die Regierung Uribe (2002-2010) dann auch noch gemeinsame Sache mit den Paramilitærs machte und mit ihr gemeinsam gegen die Guerilla vorging, wurde es eben dieser zu bunt. Um die Verhæltnisse in der Region um Santa Marta aufzudecken, wurde eine Gruppe Touristen entfuehrt, deren Guide eben "mein" Edwin war. Es wurden nicht alle Touristen gekidnapped, sondern nur die, deren Botschaften in Kolumbien von Bedeutung waren: Eine Deutsche, zwei Englænder, ein Spanier und vier Israelis. Edwin konnte fluechten, die Guerilla fluechtete ihrerseits mit den Geiseln, die dann drei Wochen im Dschungel unterwegs waren. Ziel der Entfuehrung war es schlicht und ergreifend, die Machenschaften der Paramilitærs und die Machtlosigkeit der Regierung aufzudecken. Und das gelang. Sicherlich auch von der weltweiten Berichterstattung, die Kolumbien als den "gefæhrlichsten Ort der Welt" anpries getrieben, wurde das Militær in die hiesigen Berge geschickt, Koka- und Marihuanafarmen dem Erdboden gleichgemacht und das Gebiet "befriedet".
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| Aussichtsreich |
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| Von der Stadt erhalten (bzw. bisher ausgegraben) sind knapp 200 dieser Terrassen, auf denen frueher Haueser standen und die durch ein komplexes Wegnetz miteinander verbunden sind |
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| Angekommen! Die netten Soldaten, die das Foto gemacht haben, wollten selbst leider nicht fotografiert werden |
Warum die ganzen æs und øs? Da mein heutiger Mein heutiger Blogeintrag ueberhaupt erst durch Mikkel aus Dænemark ermøglicht wurde. Der wohnt mit mir im Dorm "India", kam heute von der Ciudad Perdida Tour zurueck, wæhrend ich grad im Meer gebadet hab. Er trifft sich jetzt in der Stadt mit den Tourmenschen und war so freundlich, mir seinen Laptop fuer diese Zeit zu ueberlassen. Danke, Mikkel! (Ausserdem sind Æ und Ø ziemlich cool, neben P ist uebrigens Å und ueberhaupt, wie oft kommt man schon dazu, auf ner dænischen Tastatur zu schreiben?)
Ihr Lieben, hoffe ihr hattet ein wenig Spass beim Lesen und denkt zu Hause mal an mich. Freue mich nach wie vor immer noch sehr ueber Post aus der Heimat, lese alles immer sofort und grosser Freude, schreibe auch zurueck. Leider aufgrund der dschungelbedingten Internetabstinenz manchmal nicht sofort.
Euer mÆtsches
P.S.
Jetzt noch eine (offene) Frage, bin gerade næmlich unentschlossen und bitte um Input. Soll ich von hier aus (Santa Marta) nach La Paz (Bolivien) fliegen und von dort aus auf dem Landweg zurueck nach Bogotá fahren, von wo aus mein Flieger nach Hause geht, oder lieber auf dem Landweg nach La Paz und dann von dort aus mit dem Flieger nach Bogotá?