Sunday, November 13, 2011

Wie man Meerschweinchen isst...

Alfonso und ich lernten uns auf dem Friedhof in Otavalo kennen. Ganz zufällig, wie das hier eben so passiert...

Hier posieren wir aber nicht auf dem Friedhof, sondern vorm Lago Cuicocha
Noch einmal: Lago Cuicocha
Alfonsos Frau lebt mit den beiden gemeinsamen Töchtern (14 und 15 Jahre alt) in Deutschland. Bis 2002 zusammen mit Alfonso. Alfonso wohnt jetzt in Otavalo, im Norden von Ecuador, unweit der kolumbianisch-ecuadorianischen Grenze. 2002 verließ er Deutschland. Eigentlich nur für ein oder zwei Wochen, um seine ecuadorianische Verwandtschaft zu besuchen. Aber die deutsche Botschaft verweigerte ihm die Rückreise nach Deutschland und trotz tausender US-Dollar für Anwaltshonorare (bei einem Mindestlohn von $240 im Monat!) hat Alfonso seine beiden Töchter seit 9 Jahren nicht mehr gesehen. Alles im Namen des Gesetzes. Seine Frau in Deutschland, mit der er (natürlich) noch verheiratet ist, hat inzwischen einen neuen Mann. Freund. Freundmann. Partner. Wie auch immer.

Matthias und Amir-Ayarik
Alfonso hat aber auch eine neue Freundin. Elena. Elena ist so alt wie ich, Alfonso ist 41. Und mit zusammen hat Alfonso das kleine knuffige Wesen, welches ihr auf obigem Bild bewundern könnt. Amir-Ayarik, zum Zeitpunkt der Aufnahme 6 Monate alt, sehr begeistert vom hellen Licht meiner Digitalkamera, mit unglaublicher Hartnäckigkeit beim Versuch, Milch aus meinem Finger zu zapfen und unermüdlich bei Hoppe-Hoppe-Reiter und beim Sich-durch-die-Luft-wirbeln-lassen.
Q chévere el niöo! Kinderfotos kann man gar nicht genug posten, finde ich.
Elena und Amir-Ayarik
Der stolze große Bruder Andy (7) mit seinem schwabbeligen Brüderchen
Während der Begriff indio für die Ureinwohner der Amerikas in Kolumbien eher diskriminierend benutzt wird (korrigiert mich gegebenfalls), bezeichnen sich die BewohnerInnen Otavalos ganz selbstverständlich als solche: indios. Wer bei der WM 2006 Spiele von Ecuador gesehen hat, dem wird aufgefallen sein, dass es auch eine substantielle schwarze Bevölkerung gibt, negros, eher an der Küste und auch in kleinen Teilen im Norden des Landes. Den größten Teil machen in Ecuador die mestizos aus, Menschen, die Nachfahren von Weißen (EuropäerInnen) und der indigenen Bevölkerung. 

Der Gringo zu Gast in La Compañia

So heißt das Dörfchen, in dem Alfonsos Familie wohnt und wohin Alfonso mich auch prompt eingeladen hat, nachdem wir uns ca. zwanzig Minuten kannten. Ich solle sie doch besuchen kommen und übernachten. Wow. Da hab ich Gänsehaut bekommen, aber mich natürlich auch riesig gefreut. Eine Stunde bevor ich Alfonso kennengelernt hab, war ich doch tatsächlich kurz davor eine Tour zu buchen, bei der man dann in bester Touristen-Manier verschiedene Indio-Familien und -betriebe besucht, sich alles anguckt, ein bisschen was erklärt bekommt und sich dann artig wieder verabschiedet, aber nur an der Oberfläche gekratzt hat und die Menschen nicht wirklich kennengelernt hab. Und eine Stunde später bin ich mittendrin. Am zweiten Tag machen wir eine gemeinsame Wanderung, abends war ich zum ersten Mal bei Familie Alfonso zu Besuch, den dritten Tag hab ich komplett dort verbracht und schließlich auch dort übernachtet. Übrigens in Andys Bett (der ist zu den Eltern ins Schlafzimmer gezogen), das mit 1,80m Länge fast groß genug für mich war, ich musste mich zum Schlafen also nur leicht krümmen.

Wir alle wissen: Fleisch kommt aus der Kühltheke im Supermarkt. 

Wer von euch hat schon mal ein Meerschweinchen gegessen? Ihr könnt euch denken, was jetzt kommt. Meerschweinchen gibts in Ecuador an jeder Straßenecke. Die schlimmsten Bilder hab ich nicht veröffentlicht, aber wer weiter der obigen Überschrift glauben will, der lese bitte nicht weiter.

Wie isst man also ein Meerschweinchen?

Ganz einfach. Man kaufe zwei Meerschweinchen. Lebendig, versteht sich, zum Preis von $5 (in Ecuador ist der US-Dollar offizielle Währung) das Stück. Große oder besonders gute kosten auch mal $10. Die zwei Meerschweinchen lasse man dann in einem Kartoffelsack auf der Terrasse stehen, in dem sie auch ihre Notdurft verrichten können und sich mental auf ihr nahendes Ende (Anhänger von Religionen mögen hier evtl. anderer Meinung sein) vorbereiten können. Parallel sichte man das Kaninchen und beobachte es beim Spielen mit seiner Freundin. Man überzeuge sich von seiner Leibesfülle. Man schicke die zwei Männer (Matthias und Alfonso) zum Kartoffeln holen. Zum Glück hat Elenas Vater einen Kartoffelacker. Natürlich fängt es an zu regnen, sobald Matthias und Alfonso das Feld betreten, um zur Ernte zu schreiten und hört auf, sobald sie fertig sind.

Am Morgen spielten diese beiden conejos noch vergnügt im Garten...
Außerdem besorgte Elena extra zwei cuyes... die spielten in einem Kartoffelsack
Kommt man zurück, bemerkt man in der Spüle ein weißes, nacktes, totes Ding. Kaninchen "Grau" hatte seinen Spielgefährten verloren.

Bei den Meerschweinchen "durfte" ich (auf meinen Wunsch hin) von Anfang an dabei sein und beobachtete, wie Alonso zuerst das eine, dann das andere Meerschweinchen der Länge nach festhielt, während Elena die Kehle aufschnitt. Die Tierchen taten keinen Mucks, zappelten, während das Blut herauslief noch kurz mit den Vorderbeinchen und erstarrten kurz darauf. Wurden daraufhin in heißem Wasser gebadet, um das hellbraune Fell abzupfen zu können. Dann aufgeschnitten, um die Eingeweide zu entnehmen, die in ein Eimercfhen gekippt wurden. Ein Festmahl für den Nachbarshund. Eines der Meerschweinchen war mit vier Babymeerschweinchen schwanger. Auch die Gebärmutter ging an den Hund.

Am Nachmittag hatte das graue Kaninchen keinen Spielgefährten mehr
Meerschweinchen in Pfanne
Schließlich suche man einen geeigneten Stock, mit dem man das Meerschweinchen aufspieße und es unter ständiger Rotation mit Fett einreibe (als Pinsel diente eine Frühlingszwiebel). Damit es schön gar wird nehme man einen Nagel und pierce das Meerschweinchen regelmäßig. Vierzig Minuten dauert es, bis man zum Essen schreiten kann. Im Grunde waren wir fast den ganzen Tag mit "Essen machen" beschäftigt, wobei Alfonsos und mein Anteil im Vergleich zu Elenas lächerlich gering war.

Meerschweinchen über Feuer und Piercingnagel in Alfonsos Hand
Kartoffeln, Mote, Avocado, Soße, Salat und viergeteiltes Meerschweinchen

Guten Appetit!

Zu jedem Essen gibts in Ecuador, glaub ich, Mote. Das ist das weiße Etwas neben den Kartoffeln. Um Mote zuzubereiten, trocknet man erst eine spezielle Sorte Maiskörner für mehrere Wochen. Dann kocht man sie gaaaaanz lange unter gaaaaanz geringer Hitze. Ich ess ja alles, auch Mote, aber Mote schmeckt ein bisschen wie aufgeweichte Kartonagenfabrikabfälle. Mit Salz gehts besser. Am nächsten Tag gab es die Mote-Reste dann mit Knoblauch, Zwiebel und Gewürz gewürzt, was schon sehr viel leckerer war. Alfonsos Cousin mit Familie, die auch eingeladen waren, kamen leider nicht; keiner wusste warum und anrufen geht ja nicht ohne Telefon. Alfonso hat zwar eins, aber der Cousin anscheinend nicht? Dafür kam ein Pastor vorbei, zufällig, und der wurde dann eben auf einen Happen eingeladen.

Wie isst man denn aber jetzt ein Meerschweinchen, um endlich die Frage aus der Überschrift zu beantworten?

Gegessen wird Meerschweinchen am Stück und mit der Hand. Das Meerschweinchen wird zunächst mit einem scharfen Messer gevierteilt. Kopf. Vorderteil. Mittelteil. Hinterteil. Dem Gast gebe man nicht den Kopf. Diese von mir gerade eben erfundene Regel haben Alfonso und Elena zum Glück befolgt. Elena aß den Kopf. Auch die Augen. Und auch die Pfötchen mit den Krallen haben wir gegessen. Das Auseinanderpflücken kann ganz schön arbeitsintensiv sein, besonders wenn man sein erstes Meerschweinchen isst und nicht so genau weiß, wo man wie zugreifen und zubeißen soll. Die Hände sind die ganze Zeit fettig und ich hab dann immer diesen Zwang, sie ganz schnell wieder abzuwischen. Geht aber mit den Servietten in Lateinamerika nicht wirklich, denn die sind in etwa so saugfähig wie Laminierfolien. An der Jeans? Ich hab doch nur eine! Und siehe da, irgendwann gewöhnt man sich dran: Fettige Hände sind gar nicht so schlimm. Mote, Kartoffeln und Salat schaufelt man sich irgendwann auch mit den Händen rein. Und wie es überhaupt geschmeckt hat? Lecker. Intensiv. Sehr stark fleischig. Manche sagen, ein bisschen wie Hühnchen. Fand ich aber nicht. Viel fettiger, viel kräftiger. Vielleicht ein bisschen wie Krustenbraten.

Würdet ihr Meerschweinchen essen?

Aber ich bin doch gar nicht mehr in Otavalo...

Zeitsprung ins heute. Es ist der 13. November, 15:33 Uhr, die obige Episode aus meinem Leben bei Familie Alfonso hat sich vor über drei Wochen abgespielt! So gern würd ich euch berichten, wie begeistert Andy mit meinem Handy Angry Birds und Cut the Rope gespielt hat; Dragon, Fly hat er nicht wirklich verstanden. Dass die indios nicht spanischsprachig aufwachsen sondern Quechua (bzw in Ecuador: Quichua) sprechen und castellano erst in der Grundschule lernen. Dass die Indios, die ich in Otavalo kennengelernt hab unendlich fromm und religiös sind und jeden Sonntag sechs Gottesdienste hintereinander abgehalten werden müssen, damit alle Einwohner La Compañias den Worten des Pastors lauschen dürfen. Dass der Pastor 30 Jahre alt ist und am Mittwoch Abend in North-Face-Weste und Baggy Jeans einen kleinen Bibelkreis in der Laube hinter Alonsos Haus gehalten hat und auch für mich, für meine sichere Reise und meine sichere und gesunde Rückkehr nach Deutschland gebetet hat. Oder wie Andy in einem rosaroten Eimer jeden Tag, abends, bei der Kirche in den Ritzen bei den Steinen, Käfer gesammelt hat, die geröstet oder frittiert delikat sein sollen, sagt er (ich hab keine probiert).

Wie ich in Quito, etwa eine Woche später, mit Fieber und Schüttelfrost aufgewacht bin und fast nicht von meinem Stockbett im Hostel runterklettern konnte, und das ganze genau drei Wochen, nachdem ich in einer Malariaregion war und mir deswegen etwas unwohl war. Und ich ins Krankenhaus bin. Und ich dort behandelt wurde wie ein König. Mir Gatorade zu trinken gegeben wurde. Und auf der Rechnung sogar das Holzstäbchen, mit dem señor medico meine Zunge nach unten gedrückt hat, aufgetaucht ist. Malaria hatte ich nicht. Aber der Fisch vom Vortag war mir wohl nicht so gut bekommen. Fisch gibts deswegen ab jetzt nur noch an der Küste.

Damit hätte ichs ja doch berichtet.

Wo bin ich? In Lima, der Hauptstadt Perus, kurze Zwischenstation bevor es nach Cusco und Macchu Picchu weitergeht.

Keine vier Wochen mehr und ihr müsst mich wieder ertragen. Ich freu mich auf Zuhause. Wünsche euch allen einen schönen Sonntag Abend beim Tatort gucken oder was ihr auch sonst immer treiben mögt und verabschiede mich mit vielen peruanischen Grüßen und hoffe, euch Südamerika wieder ein Stückchen näher gebracht zu haben. Würde mich auch sehr freuen, wenn ihr mir Stuttgart wieder ein bisschen näher bringt. Wie war das Wochenende? Und die Woche davor? Und die Woche vor der Woche davor? Und überhaupt? Und nach wie vor freu ich mich auch sehr über Feedback zum Blog.

Passt alle gut auf euch auf.

Euer Matthias

P.S.
Noch einige Impressionen aus meinen zwei Tagen bei Alfonso.
Bibelstunde in der Laube
Links: Pastor. Rechts: Mädchen.
Dusche in Otavalo. Der Hebel links, der aussieht, als wäre er Teil eines elekrischen Stuhls gibt Strom für Heißwasser frei. Man sollte nicht versuchen, wenn der Strom fließt, am Wasserhahn zu drehen (so wie ich es versuchte), sonst bekommt man einen bzzzzzzzt
Familie Alfonso. Nur Ayarik versteckt sich. Das war kurz vor meinem Abschied.
Einfach zu putzig... nein?



Friday, November 4, 2011

Drogen erschnueffeln einmal anders: Der Weg nach Ecuador

Ein Lebenszeichen! Genau zwei Wochen seit dem letzten Eintrag! Alle meine Vorsaetze, hauefiger mal was Neues zu schreiben fuer die Katz!

Aber warum schreib ich ueberhaupt ein Blog, anstatt euch persoenliche Nachrichten zu schicken? Weil ich das weniger aufdringlich finde? Weil ich ein grosses Mitteilungs- oder Geltungsbeduerfnis habe? Weil ich moechte, dass die ganze Welt mir zuschauen kann? Um meine Erinnerungen fuer mich selbst zu konservieren? Um anzugeben? Weil ich zeigen will, wie Web 2.0 ich bin? Um zu inspirieren? Um eure Lust am Reisen zu wecken? Um mit euch in Kontakt zu bleiben? Vielleicht ein bisschen von allem, denn ganz genau weiss ich das selber auch nicht, aber sitze mit einem breiten Grinsen vorm Rechner hier im Hostel im Quito, habe Spass beim Schreiben und hoffe, dass ihr auch Spass beim Lesen habt.

Gerade erst in Ecuador angekommen, bin ich auch fast schon wieder weg. In zwei Stunden fahr ich weiter an die peruanische Kueste nach Máncora, moechte euch aber haeppchenweise von alldem berichten, was mir berichtenswert erscheint. Hier kommt also der erste Happen.

Medellín - Ipiales - Otavalo in nur 30 Stunden
Lange Busfahrten sind fuer mich ja nichts Aussergewoehnliches mehr. Nach zweitaegigem Aufenthalt in Medellín (geplant war nur einer, aber ich habs geschafft, einen Bus zu verschlafen) wartete die Strecke Medellín - Ipiales auf mich. Die routinemaessigen Polizeikontrollen in der Pampa sind ja nicht neu, das aber schon: Der Beamte ging erstmal von vorne bis hinten durch den Bus, schuettelte allen PassagierInnen die Hand, wuenschte einen guten Abend, fragte nach dem allgemeinen Wohlbefinden und wollte erst danach die Ausweise sehen. Leider war das nicht der einzige Stopp. Mitten in der Nacht hielten wir auf offener Strecker, aus unerfreulichem Anlass. Zwei junge Maenner lagen neben dem Bus auf der Strasse, vor ihnen ein Motorrad. Einer davon mit Helm, aus dem Kopf blutend, ein anderer zehn Meter dahinter, den Unterarm um 90 Grad in die falsche Richtung gebogen. Unser Busfahrer rief den Krankenwagen, die beiden wurden (lebendig) abtransportiert und sind inzwischen hoffentlich wieder einigermassen wohlauf.

Mein hell erleuchtetes Gefaehrt. Links daneben Mateo. Viele Autos und fast alle Busse haben ganz viele bunte Blinklichter.
Huebsch und stilvoll eingerichtet. Gemuetlich. Dazu meistens Splatterfilme.
Sonnenaufgang. Nur noch wenige Stunden bis Ipiales, der Grenzstadt zu Ecuador auf kolumbianischer Seite. Dort steigt man am Busbahnhof aus dem Bus aus und hat erstmal ueberhaupt keine Ahnung wohin; es sei denn, man trifft zwei nette Kolumbianer (Mateo und Valentino) die sich mit einem das Taxi zur Grenze teilen. Dann versucht man Geld zu wechseln. Am besten bemerkt man rechtzeitig, dass der Taschenrechner des freundlichen Geldwechslers freundlich zum Geldwechsler ist und reisst ihm das eigene Geld schnell wieder aus der Hand, bevor er es einstecken kann.

Die naechste Huerde heisst Zoll. Weil Mateo Metal hoert, zudem auch noch aussieht, wie jemand, der Metal hoert, Valentino kurz rasierte Haare hat und die beiden aus Kolumbien kommen werden sie von den ecuadorianischen Grenzbeamten einer Sonderbehandlung unterzogen. Denn das kleine Einmaleins der Vorurteile sagt uns, dass aus Kolumbien genau drei Dinge kommen: Shakira, Kaffee und Drogen.

Der kleine dicke Zollbeamte traegt ueber einem fleckigen lila Spruch-T-Shirt eine netzartige Uniform. Er bittet uns freundlich in sein Revier, in dem der Putz von den Waenden abbrockelt und seine Kollegen im Nebenraum viel zu laut Radio hoeren. Dort beginnt er, das Paket der beiden kolumbianischen Jungs auseinanderzunehmen. (Strassen-)Hunde gibt es hier zwar jede Menge, aber scheinbar keine Drogenspuerhunde, also steckt er sein feines Naeschen in die Puppen, Baukloetze und Unterhosen hinein, soweit es geht, nimmt jeweils einen tiiiiiiefen Zug, ueberlegt kurz, ob er jetzt was erschnueffelt hat, schnueffelt ggf. ein zweites Mal und legt den fuer drogenfrei befundenen Gegenstand dann beiseite. Es scheint ihm Spass zu machen. Schliesslich duerfen Valentino und Mateo sich auch noch vor ihm nackig machen. Ich muss nicht. Bei mir will er nur kurz in mein kleines Taeschchen reingucken bittet mit Erstaunen um eine kurze Vorfuerhung des Kindle.

Wir ueberschreiten zu Fuss die Grenze. Auf der anderen Seite geht es wieder per Taxi ("cuatro dollaritos!" - in Ecuador haengt man einfach an jedes Wort -ito oder -ita an, dann klingts viel schoener) weiter, ins Grenzstaedtchen auf ecuadorianischer Seite, husch husch in den Bus und weiter bis Otavalo. Mateo und Valentino immer noch an meiner Seite, haetten wir nach zehn Minuten fast schon wieder aussteigen muessen. Die ecuadorianischen Antinarcóticos hatten an Mateos Impfpass(!) etwas auszusetzen und wollten ihn erstmal dabehalten, gegen eine sofort faellige "Gebuehr" in Hoehe von $10 (jener Art, fuer die keine Quittung ausgestellt wird) durfte er dann aber doch weiterfahren. Und ich den zweiten Sonnenuntergang in Folge hinter den Fensterscheiben eines Buses erleben.

 Valentino und ich. Da sind wir schon drin, in Ecuador.
In Otavalo, einem 50.000-Einwohner-Staedtchen noerdlich der Hauptstadt Quito, sprang ich aus dem Bus, flitzte in der Dunkelheit durch die Straesschen, auf die Suche nach einem billigen Hotel, fand ein billiges Hotel (das El Geranio) und war froehlich und voller Vorfreude auf die erste Nacht in Suedamerika, die ich in meinem ganz ganz ganz eigenen Zimmer mit eigenem Bad und eigenem Klo verbringen durfte. Am Tag darauf sollte ich Alfonso kennenlernen...

Und weiter?
Ueber das Leben mit einer Indio-Familie, wie man richtig Meerschweinchen isst, evangelische Pastoren in North-Face-Jacke und Baggy-Jeans und meinen kurzen Krankenhausbesuch in Quito gibt es dann beim naechsten Mal mehr, wenn es wieder heisst: a maetsches gucha musto.


Passt auf euch auf und habt ein schoenes Wochenende! (Und schickt mir den neuesten Gossip aus Stuttgart.)

Euer maetsches

Thursday, October 20, 2011

Unterwegs mit Rapido Ochoa

Der Name (RAPIDO) ist nicht Programm - und wenn doch, wünschte man, es wäre anders. Tranquilo, señor, tranquilo!

Fahre gerade zurück nach Medellín. Halt! Wollte ich nicht eigentlich nach La Paz jetten? Doch, schon, aber zweimal den Flieger wechseln und so viel bezahlen wie für meinen Hin- und Rückflug nach Kolumbien wollte ich nicht. Jetzt also so.

Mein Sitzplatz befindet sich in der ersten Reihe, direkt hinter dem Fahrer, der gerade die Scheibenwischer angemacht hat, obwohl es nicht regnet. Neben mir ein netter Mann, der auch in Santa Marta eingestiegen ist.

Jetzt halten wir schon wieder an nem Busbahnhof. Wann wir halten und wann nicht wirkt sehr willkürlich. Würde ich nachfragen, verstünde ich die Antwort aber wohl nicht. Tranquilo, Matthias, tranquilo. Wie immer steigen viele Menschen aus und ein, es wird geredet und gestikuliert, ich bekomme einen Ellenbogen gegen den Kopf, während die Leute gleichzeitig in den Bus hinein und aus dem Bus hinaus wollen.

Unser Busfahrer ist ein wahres Multitaskingtalent. Er legt gleichzeitig DVDs ein, telefoniert mit Freunden und Familie und steuert den Bus entweder durch den dichten Verkehr in den Städten, die wir durchqueren oder auf der Landstraße. Dabei befinden wir uns meist auf der Gegenfahrbahn und überholen andere Verkehrsteilnehmer. Wenn wir nicht überholen, fahren wir meistens mitten auf dem doppelt durchgezogenen gelben Mittelstreifen. Na gut, bei Gegenverkehr auch manchmal rechts, wenn die entgegenkommenden Fahrzeuge so groß wie wir oder größer sind.

HIER war dann mein Akku fast leer.

Nach insgesamt 19 Stunden Bus bin ich, dank oder trotz der señores conductores, in Medellín angekommen. Morgen folgen nochmal mindestens 20 nach Pasto.



Monday, October 17, 2011

Grabræuber, Entfuehrungen und die Verlorene Stadt: Der Dschungel in Kolumbien

Ein kleines bisschen mulmig war mir ja schon, als mir der Østerreicher hier im Hostel von Schlangen, deren Biss innerhalb von fuenf Minuten tøtet und von Flussueberquerungen in wackeligen Metallkæfigen, die mit einer Abschussvorrichtung ausgestattet sind, berichtete. Ganz kurz hab ich gezøgert. Und dann die Tour zur Ciudad Perdida, der verlorenen Stadt, gebucht, meinen kleinen Rucksack mit dem Nøtigsten, Panela (=Zuckerrohrfruchtfleisch) und Rum, befuellt, den grossen im Dreamer Hostel hier in Santa Marta deponiert und am Dienstagmorgen auf dem kleinen bunten Bænkchen neben der Rezeption gewartet. Dort wurde ich kolumbianisch-puenktlich mit 50 Minuten Verspætung abgeholt und mit der unten abgebildeten wunderschønen Chiva ging es dann zunæchst ueber asphaltierte Strassen und spæter durch matschige Dschungelpisten zum Ausgangspunkt der Tour: Mittagessen in El Mamey. Suedamerikanisch-untypisch gab es leckere Sandwiches zum Selbstbelegen.

Ich hænge an der Chiva. Rechts nicht im Bild: Militærposten. Warum? Erfahrt ihr noch.

Die andere Gruppe hatte keine Chiva, sondern nur einen popeligen Landcruiser und blieb prompt im Dreck stecken, wurde von uns aber wieder rausgezogen
Die næchsten fuenf Tage und vier Næchte sollte ich also mit unserem absolut fantastischen Guide Edwin und einer Gruppe bunt gemischter Reisender aus Israel, den USA, Tschechien, Deutschland und Irland verbringen. Der Plan: Drei Tage hinwandern, einen Tag die Ciudad Perdida erklimmen (1200 Stufen, auf denen meine grossen Fuesse nur ungenuegend Platz finden) und besichtigen, einen Tag wieder zurueck. Nur einen Tag zurueck? Das hab ich mich auch gefragt. Ist nicht so, dass man dann mit der Seilbahn zurueckgefahren wird. Mensch læuft einfach schneller und weiter. Entsprechend anstrengend waren dann auch gerade die letzten beiden Tage.

Was ist das ueberhaupt, die Ciudad Perdida? Gegruendet um 800 nach unserer Zeitrechnung ist sie ueber 600 Jahre ælter als die wohl bekannteste Stadt aus dem Zeitalter vor der Kolonisation, Machu Picchu. Als die spanischen Konquistadoren kamen, verliessen die Ureinwohner die Stadt und fluechteten in høhere Lagen, das Stadtgebiet holte sich der Dschungel zurueck, die Stadt selbst geriet in Vergessenheit. Erst 1975 wurde sie von Grabræubern wiederentdeckt - und jetzt kommts - einer dieser Grabræuber war der Vater des fantastischen Edwin(s?), der uns diese Tour ueberhaupt erst ermøglichte. Die Grabræuber waren auf der Suche nach den Grabbeigaben (regelmæssige LeserInnen erinnern sich an meinen Blogeintrag zum Goldmuseum in Bogotá), dem Gold, das den Schamanen hier mit ins Grab gelegt wurden. Dabei waren sie sehr erfolgreich, aber auch ruecksichtslos und zerstørerisch, im Zuge der unkontrollierten Ausgrabungen ging sehr viel kaputt und es dauerte eine Weile, bis von offizieller Seite und mit archæologischer Hilfe versucht wurde zu retten, was zu retten ist.

Ein typischer Tag in der Sierra Nevada de Santa Marta begann mit Aufstehen um 6.00 Uhr. Fruehstueck fuer gewøhnlich Ei mit Ei. Manchmal auch Toast mit Ei oder nur Ei oder Toast mit Kæse und Ei. Und manchmal Marmelade. Frueh starten macht Sinn, weil die Sonne frueh untergeht (etwas vor 18 Uhr) und weil es nachmittags immer regnet. Wenn es in Kolumbien regnet, dann regnet es, so, dass alles unter Wasser steht, die Taxen quer auf den Strassen im Wasser schwimmen (am Wochenende hier passiert) und die Mototaxis auf den høher liegenden Gehweg ausweichen. Es regnet dann fuer gewøhnlich 2-3 Stunden, gerne auch længer, was die Wanderwege nicht gerade passierbarer macht. So kamen wir an den ersten Tagen auch immer rechtzeitig, in der Regel gegen 13.00 Uhr an der næchsten Cabaña an, wo Edwins fleissige Helfer und die CampbesitzerInnen fuer uns leckeres almuerzo oder cena kochten. Reis mit Huehnchen, Reis mit Rind Reis mit Schwein, manchmal Bohnen, dazu ein bisschen Salat, dazu immer (ganz besonders lecker und sehr suedamerikatypisch): Patacones. Frittierte Scheiben aus zermatschter Kochbanane. Die Lebensmittel wurden vorab von Helfern mit Esel (die unglaublich gute Wanderer und Kletterer sind) zu den Schlafplætzen gebracht und ich muss leider gestehen, an den Luxus, wæhrend einer solchen Tour quasi vollverpflegt zu werden, kønnte ich mich gewøhnen.

Der fantastische Edwin wird nicht muede zu erzæhlen und zu erklæren.


Bei unserer Dschungelwanderung begleiteten uns Vogelgezwitscher, Salamander, unzæhlige Kæfer, Spinnen und sonstige Krabbelviecher, Moskitos und andere Blutsauger, hier und da auch mal ein menschenkopfgrosser Frosch oder ein Flusskrebs in Kampfhaltung, neben uns verliefen Bæchlein, Fluesse oder Wasserfælle, im Hintergrund atemberaubende Aussichten auf gruene Berge so weit das Auge reicht, dazwischen hier und da eine kleine Finca (kultiviert werden hier z.B. Mango, Papaya und Guabaya) und die dazugehørigen Kuehe, die auf Huegeln grasen, die teilweise so steil sind, dass man keine Ahnung hat, wie die Vierbeiner dort hoch gekommen sind - geschweige denn, wie sie wieder runter kommen sollen.

Ist euch schon aufgefallen, dass ich eine Neigung zu unglaublich langen Schachtelsætzen habe, ja, dass das sogar fast eine Neurose ist und ich unglaublich grossen Gefallen an langen Schachtelsætzen habe, obwohl ich weiss, dass sie dem Leser oder der Leserin das Leben ungemein erschweren?

Die erste Nacht verbrachten wir in La Cabaña de Alfredo, zum Schlafen dienten uns die gemuetlichen im Hintergrund sichtbaren und moskitogeschuetzten Hængematten. Die waren sehr bequem, aber mein Doppelbett in der zweiten und vierten Nacht war auch nicht ohne. Angekommen sind wir erst nach Einbruch der Dunkelheit. Geplant war das so wohl nicht, aber Kopflampe sei Dank konnte ich sehen, wohin ich mein Fuesschen setzte. Oft waren auch Kletterfertigkeiten gefragt, mit denen ich nicht unbedingt gesegnet bin. Kleine Wasserfælle rauf und runter oder an einer stark abschuessigen Wand entlang, wobei auf der anderen Seite die Tiefe wartet. Angekommen sind aber immer alle. An den Schlafplætzen gab es immer einen tuechtigen Verkæufer, der Schnaps, Bier, Zigaretten, Cola und Gatorade im Angebot hatte. Je weiter wir vom Ausgangspunkt entfernt waren, desto teurer wurden natuerlich auch die Luxusgueter, aber gegen ein Aguila (kolumbienweit beliebte Biersorte aus Barranquilla, der Stadt, in der Shakira geboren wurde) als Belohnung fuer einen anstrengenden Wandertag spricht ja wohl wirklich nichts, oder?

I heart Alfredo. Start in den zweiten Tag. T-Shirt noch sauber (heute: irreperabel)














Dieses arme Schwein landet an Weihnachten auf dem Teller

Pæuschen


Andrej und ich spielen bei der Flussueberquerung American Gladiators (hier: Joust)
Kristens und mein Versuch, die private parts zu bedecken
Who wants some?
Erstes Mal baden im Fluss
Aber bestimmt nicht letztes Mal Baden im Fluss. Hier: Natur-Whirlpool

Nun, vielleicht sind doch nicht immer alle angekommen. Vor einigen Monaten ist hier ein franzøsischer Student tødlich verunglueckt. Er hat auf eigene Faust einen Fluss ueberquert, an einer Stelle, an der ihm die Guides das Queren ausdruecklich untersagt hatten. Die Strømung riss ihn mit und er muss sich wohl den Kopf an einem Felsen angeschlagen haben und bewusstlos geworden sein. Man fand ihn erst am næchsten Morgen, tot im Gestruepp.

2003 wurde hier eine Gruppe Touristen entfuehrt. Von der ELN, einer Guerillagruppe. Warum, wie, wo, was? Jetzt wirds interessant, aber auch etwas kompliziert: Neben dem Militær gibt es in Kolumbien noch zwei weitere Arten bewaffneter Streitkræfte. Die (linke) Guerilla und die (rechten) Paramilitærs, welche sich wieder in eine Vielzahl kleinerer und grøsserer Gruppen aufteilen. Die Gegend hier um Santa Marta war immer in den Hænden der Paramilitærs, die Regierung hatte hier wenig zu sagen. Mariuhana- und Kokabauern (in den 80er Jahren gabs auf den Touren hier noch Marihuana gratis) sowie auch die Firmen, die die Touren zur Ciudad Perdida organisieren und ueberhaupt alles und jeder bezahlte die Paramilitærs, die ihrerseits ihr Geld hauptsæchlich durch Drogenschmuggel und allem, was dazugehørt, verdienen fuer "Sicherheit". Als die Regierung Uribe (2002-2010) dann auch noch gemeinsame Sache mit den Paramilitærs machte und mit ihr gemeinsam gegen die Guerilla vorging, wurde es eben dieser zu bunt. Um die Verhæltnisse in der Region um Santa Marta aufzudecken, wurde eine Gruppe Touristen entfuehrt, deren Guide eben "mein" Edwin war. Es wurden nicht alle Touristen gekidnapped, sondern nur die, deren Botschaften in Kolumbien von Bedeutung waren: Eine Deutsche, zwei Englænder, ein Spanier und vier Israelis. Edwin konnte fluechten, die Guerilla fluechtete ihrerseits mit den Geiseln, die dann drei Wochen im Dschungel unterwegs waren. Ziel der Entfuehrung war es schlicht und ergreifend, die Machenschaften der Paramilitærs und die Machtlosigkeit der Regierung aufzudecken. Und das gelang. Sicherlich auch von der weltweiten Berichterstattung, die Kolumbien als den "gefæhrlichsten Ort der Welt" anpries getrieben, wurde das Militær in die hiesigen Berge geschickt, Koka- und Marihuanafarmen dem Erdboden gleichgemacht und das Gebiet "befriedet". 

Aussichtsreich

Von der Stadt erhalten (bzw. bisher ausgegraben) sind knapp 200 dieser Terrassen, auf denen frueher Haueser standen und die durch ein komplexes Wegnetz miteinander verbunden sind
Angekommen! Die netten Soldaten, die das Foto gemacht haben, wollten selbst leider nicht fotografiert werden
Warum die ganzen æs und øs? Da mein heutiger Mein heutiger Blogeintrag ueberhaupt erst durch Mikkel aus Dænemark ermøglicht wurde. Der wohnt mit mir im Dorm "India", kam heute von der Ciudad Perdida Tour zurueck, wæhrend ich grad im Meer gebadet hab. Er trifft sich jetzt in der Stadt mit den Tourmenschen und war so freundlich, mir seinen Laptop fuer diese Zeit zu ueberlassen. Danke, Mikkel! (Ausserdem sind Æ und Ø ziemlich cool, neben P ist uebrigens Å und ueberhaupt, wie oft kommt man schon dazu, auf ner dænischen Tastatur zu schreiben?)

Ihr Lieben, hoffe ihr hattet ein wenig Spass beim Lesen und denkt zu Hause mal an mich. Freue mich nach wie vor immer noch sehr ueber Post aus der Heimat, lese alles immer sofort und grosser Freude, schreibe auch zurueck. Leider aufgrund der dschungelbedingten Internetabstinenz manchmal nicht sofort.

Euer mÆtsches

P.S.
Jetzt noch eine (offene) Frage, bin gerade næmlich unentschlossen und bitte um Input. Soll ich von hier aus (Santa Marta) nach La Paz (Bolivien) fliegen und von dort aus auf dem Landweg zurueck nach Bogotá fahren, von wo aus mein Flieger nach Hause geht, oder lieber auf dem Landweg nach La Paz und dann von dort aus mit dem Flieger nach Bogotá?

Friday, October 7, 2011

Karibik, Aufruhr, Widerstand: Das ist Cartagena


Hallo ihr Lieben,
hier bin ich schon wieder. Puenktlich zum Wochenende und heute aus.... Cartagena de Indias, wo ich Dienstagvormittag nach 14-stuendiger Busfahrt mit schmerzenden Knien (Menschen ueber 1,80m muessen hier beim Komfort im Bus eben Abstriche machen), aber doch wohlbehalten und quietschvergnuegt angekommen bin.

Dieses Lied laueft jetzt schon zum dritten Mal, seitdem ich schreibe, also lasst es beim Lesen im Hintergrund laufen und fuehlt euch wie ich:



Die Fahrtzeit nach Cartagena wird in der Regel nicht durch die Verkehrssituation bestimmt, sondern durch die Anzahl und die Intensitaet der Polizeikontrollen. Bei uns gab es nur eine. Meinen Ausweis wollte señor policia auch gar nicht sehen, der Kofferraum wurde ebenfalls nicht gecheckt. Somit ist señor policia auch das lebendige Huehnchen entgangen, das die Fahrt im Kofferraum unbeschadet(?) ueberstanden hat, untenrum in einen Getreidesack eingewickelt. Bei der Fahrt ins Zentrum von Cartagena fuhr vor meinem Taxi ein Pickup, mit eben jenem Huehnchen auf der Ladeflaeche, gesichert durch ein grosses Netz. Seine Fluchtversuche waren daher leider erfolglos und ueber das Schicksal des señor pollo ist mir weiter nichts bekannt. (Erst heute hab ich ueber die zunehmende Personalisierung in der Berichterstattung gelesen und jetzt mach ichs auch noch selbst! Siehe hier: http://www.heise.de/tp/artikel/35/35632/1.html)

Torre del Reloj - Uhrenturm. Hier wurden frueher die Sklaven durchgebracht...
...und dann auf diesem Platz, auf dem gerade getanzt wird, feilgeboten

Die Altstadt - das Centro Historico - ist huebsch
Aber auch hier gibts die beliebten Stolperfallen fuer Touristen
Das Castillo San Felipe de Barajas war die ultimative Verteidigungsanlage im Suedamerika der Kolonialzeit
...denn sie konnte besser peng peng als jede andere

Blick von eben jenem Castillo mit Stadtteil Bocagrande im Hintergrund mit karibischem Meer dahinter

Graffiti im deutschen Zentrum in Cartagena
In Cartagena hat es tagsueber ungefaehr 35 Grad Celsius und nachts wirds gefuehlt auch nicht kuehler. Immerhin: die Klimaanlage in den Hostelzimmern verschafft empfindlichen Gringos ein bisschen Linderung. 
Señor perro leidet regeungslos, scheint keine Klimaanlage zu haben
Dafuer braucht man auch keine Heizungen, denn das liebe Wetter bleibt ja, Tag ein, Tag aus, das ganze Jahr ueber gleich. Fuer den Smalltalk in Deutschland waere das natuerlich vernichtend. Ueber was sollte man sich denn noch unterhalten mit Leuten, mit denen mensch eigentlich gar nicht sprechen will, wenn nicht ueber das Wetter? In Kolumbien, so scheints mir, wird immer geredet, auch wenn ich nichts verstehe, sobald mehr als eine Person spricht. Dann laechle ich nett und sage "sì, sì", sobald mich jemensch anspricht. Musik laueft auch immer (entweder Reggaeton oder Salsa oder Merengue) und auch wenn die Musik so laut ist, dass mensch rein gar nichts mehr verstehen kann, wird trotzdem geredet. Jetzt aber zurueck zu meinem Lieblingssmalltalkthema - dem Wetter: Mit Abtrocknen nach dem Duschen ist wie ohne Abtrocknen nach dem Duschen, denn mensch faengt nach dem Abtrocknen sofort wieder an zu schwitzen, was das Auftragen der Sonnencreme nicht unbedingt erleichtert. Die gute Sonnencreme vom deutschen Drogeriemarkt scheint trotzdem zu wirken. Das englische Paerchen hinter mir hatte nicht so viel Glueck und sowohl bei ihr als auch bei ihm sind alle sichtbaren Stellen der Haut (Stirn, Nase, Wangen, Hals, Dekolletee oder wie man das schreibt, Schultern, Arme) ungesund geroetet, was sie nicht davon abhaelt, weiter auf ihrem iPad rumzuhacken.

Warum schreib ich eigentlich englisches Paerchen, obwohl ich gar nicht weiss, woher das Paerchen ist? ;-)

Beim, aehm, shoppen gefunden. Traegt man das jetzt so?
Couchsurferin Andrea, die ich hier gestern getroffen hab, hat aus gegebenem Anlass einen kleinen Ausflug zur Universidad de Cartagena mit mir unternommen. Die ist naemlich gerade besetzt, von StudentInnen, die rote und bunte Fahnen in die Luft strecken und dazu Dinge skandieren, die ich bis auf eine Ausnahme ("Somos estudiantes!" - Wir sind die Studenten) nicht verstehe. Ein kleiner Eindruck und die Erklaerung von Andrea, die Deutsch spricht, in bewegten Bildern:


Versteht mensch, was sie erklaert? Hab hier keinen Ton am Rechner (oder vielleicht hab ich doch Ton, aber er wird von der Musik, die hier laueft uebertoent?). Das mit der Hochschulbildung funktioniert in Kolumbien so: Wenn deine Eltern viel Geld haben, ist es egal, wie gut du in der Schule bist, denn dann kann mensch sich  einfach einen Studienplatz an einer privaten Universitaet kaufen. Die ueberwaeltigende Mehrheit der Unis sind privat und haben, was die Qualitaet der Lehre angeht einen eher schlechten Ruf. Viel Auswendiglernen und wiedergeben, wenig Reflexion, Hauptsache Uni-Abschluss in der Tasche. An die oeffentlichen Unis kommen nur die Besten, die Kraeaem der Kraeaem, wie meine ehemalige Bio-Lehrerin sagen wuerde. Und hier, so kommts mir zumindest vor, findet sich dann auch eher die politisierte Studentenschaft (wie man auch an obigem Video sieht), aber das sind alles nur Eindruecke und vielleicht lieg ich damit auch voll daneben. Falls es im Video nicht zu verstehen war: Die Regierung will die oeffentlichen Unis in private umwandeln und das moegen wir natuerlich nicht.

(2) Die Demo laueft


(3) Die Demo ist angekommen


So viel von mir fuer heute. Morgen gehts weiter nach Santa Marta, fast schon eine Kurzstrecke (4 Stunden) im Vergleich zu den bisherigen Busfahrten und darum verabschiede ich mich mit einem grossen Schluck cerveza colombiana:

Salud!

Fuehlt euch gedrueckt, habt ein schoenes Wochenende und schickt mir correros electrònicos von Zuhause!

Euer Matze

Saturday, October 1, 2011

Medellìn: Pablo Escobar ist tot

Hola, Hallo und guten Morgen. Es ist Samstag frueh, gerade laufen in Deutschland die Samstagnachmittagspiele und auch dass der VfB gewonnen hat ist mir gestern nicht entgangen, dank Sebas Liveticker und einem mehr oder minder gut funktionierendem Livestream. Auch wenn ich ein paar Tage nicht geschrieben hab: So schnell werdet ihr mich nicht los. Bogotà liegt schon seit knapp einer Woche hinter mir; am Sonntag Abend bin ich mit dem Bus von Bolivariano die 244km nach Medellìn gefahren. Medellìn ist hier:

(Und wenn das so funktioniert, wie ichs mir vorstell, koennt ihr ueber die Karte meine Route auch in Zukunft ungefaehr nachverfolgen. Dank Google Maps, der Travel Blog App fuer Android und Dropbox.)
 
Eine Busfahrt die ist lustig...
Eigentlich wollte ich ja schon Sonntag Mittag losfahren, aber entgegen meiner Annahme dauert die Fahrt von Bogotà nach Medellìn eben nicht drei oder vier, sondern knapp zehn Stunden. Wenns dunkel ist - dunkel wird es hier jeden Tag um 18.30 Uhr, Jahreszeiten gibt es keine, sondern nur "nass" und "trocken" - nimmt man fuer laengere Strecken besser ein Ruftaxi. Den Ruftaxifahrer hab ich schon erspaeht, als ich an der Strasse stand und wartete. Er versuchte mich auch zu erspaehen, mit einem ueberdimensional grossen und sehr hellen Handscheinerfer, mit dem er die Hausnummer suchte.
Abschied nehmen von "meiner" WG in Bogotá (v.l.n.r. bekannt, Natalia, Diana, Carlos, nicht im Bild: Diego). Meine niegelnagelneuen tollen T-Shirts hab ich allerdings dort vergessen.

Das Adresssystem funktioniert folgendermassen: In jeder Stadt gibt es Calles und Carreras, aehnlich der Avenues und Streets in New York sind die meistens Gitternetzlinienfoermig aufgebaut. Hausnummern gibt es nicht direkt so wie wir sie kennen. Eine Adresse lautet z.B. Carrera 14 # 70-58, das heisst dann, das gesuchte Haus befindet sich auf Carrera 14, zwischen Calle 70 und 71, 58 Schritte entfernt von Calle 70. Mensch weiss also immer genau, wie weit er es noch nach Hause hat. Traumhaft einfach. Traumhaft genial.
Um noch ein bisschen weiter abzuschweifen, von dem wo ich hinwill, ein Foto:
Eine typische Schnellstrasse in Kolumbien?

Mein erstes Foto in Medellín. So oder so aehnlich sieht es sonntags in vielen Staedten Kolumbiens aus. Die Hauptstrassen werden fuer Autos geschlossen und die fahrradfreundliche Stadt (Hallo Stuttgart!) wird Realitaet. Gefaellt mir, hab nur leider kein Fahrrad zur Hand, hoffe aber, bald mal wieder auf einen Drahtesel aufspringen zu duerfen. (Nur damit hier kein falscher Eindruck entsteht: Ausserhalb dieser Zeit muss man lebensmuede sein, um sich hier aufs Fahrrad zu setzen, auch wenn es hin und wieder ein paar (Ueber-)Mu(e)tige gibt, die das tun. Dann bevorzugt nachts und ohne Licht. Die Strassen platzen, es ist immer laut, man faehrt wo Platz ist, die Bordsteine sind gut und gerne auch mal 30cm hoch und Vorsicht ist tendenziell empfehlenswerter als das Hoffen auf Ruecksicht. Exkurs Ende, zurueck zur Busfahrt.
Hat mit dem Text hier rein gar nichts zu tun, aber wollte ich euch aus Gruenden meiner Haltung im Flug nicht vorenthalten. Ueber Bogotá auf dem Berg Monserrate, mit Aaron, Leidy und Luisa.

Wenn man den Warnungen von Reisefuehrern und auch so manchen Einheimischen glaubt, lauern in jedem Bus und an jedem Halt Mord- und Totschlag oder aber zumindest uebelriechende Gesellen auf dem Platz neben einem selbst. Ganz so schlimm kam's nicht, ich sass neben einer 27-jaehrigen Medizinerin (die nicht uebel roch), doch zu meiner rechten befand sich das Baño, dessen Tuere nicht richtig schloss (und welches sehr uebel roch). Auf den Paessen durch die Anden schliesst man dann einfach die Augen, wenn man entgegenkommende Lastwaegen im mit gefuehlt einer Hand breit am eigenen Bus vorbeirauschen sieht, haelt sich die Ohren zu, waehrend El Transportador 3 gezeigt wird, versucht ein bisschen zu schlafen (schreckt aber wegen Klogeruch und -tuer immer wieder auf) und kommt am naechsten Morgen puenktlich (es gibt keine festgelegten Ankunftszeiten) an und freut sich auf ein Wiedersehen mit Doro aus Australien.


In Medellìn
So ist das, wenn ich schreibe. Hier wollte ich anfangen, aber jetzt steht schon jede Menge Text oben drueber. Das muss in der Familie liegen, dass ich mich nicht kurz fassen kann... ;-))
 
In Doro und Kenjis Wohnung im Casa Mayde Hostel
In Medellín, der zweieinhalb-Millionen-Stadt noerdlich der Zona Cafetera angekommen, erwarteten mich Doro und Kenji schon. Bis Anfang der 1990er-Jahre war Medellín eine absolute No-Go-Zone fuer Gringos; zumindest beschreibt das mein Reisefuehrer, das South American Handbook, so. Das aenderte sich erst als Pablo Escobar, zu seiner Zeit der groesste Drogenhaendler und laut Forbes-Ranking die siebtreichste Person weltweit Ende 1993 getoetet wurde. Beim sozial benachteiligten Teil der Bevoelkerung Medellíns war er scheinbar als ein moderner Robin Hood recht beliebt, was nicht davon ablenken soll, dass er sehr viel Dreck (und viel Blut) am Stecken hat(te).
Doro und ich haben uns 2005 in Melbourne kennengelernt und hatten uns zunaechst ganz gut verstanden gehabt, weswegen wir dann auch zusammen in einem Auto nach Adelaide fuhren, haben uns aber aufgrund von diversen Zickereien und Provokationen immer weniger gut verstanden (und gingen in Adelaide dann getrennte Wege), verstehen uns jetzt aber wieder wunderbar, was hoffentlich auch so bleibt. Hier wohne ich jetzt also seit Sonntag, auf einer eigenen Matratze auf dem Boden in einer kuscheligen Ein-Zimmer-Wohnung direkt in der Zona Rosa, wo es tagsueber laut (Verkehr) und nachts noch lauter (Partyvolk und Livemusik vor, unter, neben und gegenueber unserer Fenster) ist. Gefeiert wird hier sowieso jeden Tag, auch an Tagen, die nicht auf -g Enden.
Blick ueber Medellín mit Erfrischungsgetraenk

Tourismus- und Freizeitmanagerin (unter anderem) Doro hatte auch schon einen Sightseeing-Wochenplan fuer uns zusammengestellt, den wir mehr oder minder diszipliniert eingehalten haben. Eines der Highlights, bei dem die Planerin aber leider aufgrund universitaerer Verpflichtungen gar nicht dabei sein konnte, war die Fuehrung durch die 3 Cordilleras Brauerei. So wurde das ganze zumindest angepriesen. In Wirklichkeit war es eine Party im Brauhaus, bei der es zwischendrin eine kurze "Fuehrung" gab.
Kenji, May und ich in der 3 Corilleras-Brauerei

Die Fuehrung bestand darin, dass sich eine junge Frau mit Mikrofon vor die versammelte Menge stellte und auf Spanisch etwas ueber die Brauerei erzaehlte, was keiner verstand (ich schon gar nicht). Daher unterhielt ich mich waehrend der Tour auch mit einigen Kolumbianern ueber Fussball. Nach der ersten Station lief die junge Frau, die unsere Fuehrung moderierte (Fuehrerin geht mir nur sehr schwer ueber die Tastatur) zehn Meter weiter, zur zweiten Station und begann erneut, zu erzaehlen. Dann war die Tour zu Ende. Die Brauerei war also etwas kleiner, als ich das von Brauereien in Deutschland gewoenht war: Im Grunde ein grosser Raum mit Partyecke und Bueros oben drueber. Das Bier (Empfehlung: 3 Cordilleras Mulata) war irrsinnig lecker und der ganze Spass war mit 15000 Kolumbianischen Pesos (knapp 6 EUR) fuer sechs Bier auch ein echtes Schnaepple!
Brauereifuehrung
Zu guter letzt noch ein paar bewegte und mit Ton unterlegte Eindruecke der 3 Cordilleras-Brauerei. Livemusik fast den ganzen Abend und eine feiernde Meute. 3 Cordilleras hat gestern naemlich Geburtstag gefeiert.

(1) Sweet Child of Mine


 (2) Froehlichsein auf Kolumbisch


Hoffe, euch einen kleinen Eindruck gegeben zu haben, wie es mir hier so geht und was ich hier treibe. Uebrigens: Zu eurer rechten solltet ihr jetzt ein Feld sehn, in dem ihr eure E-Mail-Adresse eintragen koennt um ueber Aktualisierungen informiert zu werden. Oder aber, ihr geht mit der Zeit und abonniert den RSS-Feed. Oder aber, ihr tut einfach gar nichts. Wie dem auch sei: Ich freue mich immer noch ueber Post und Alltagsgeschichten von zu Hause und hoffe, dass Stuttgart noch steht, wenn ich wiederkomme.

Ein schoenes Restwochenende wuenscht euch allen
Euer Matze